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Maria Kabo

Die Bibliothek als Integrationsfaktor

2009, ca. 130 Seiten, kart.
ISBN 978-3-940862-09-9
22,00 €

Der zunehmenden Forderung nach dem Zugang zu den Informationen und Informationsquellen steht immer noch die mangelnde Informationskompetenz großer Teile der Bevölkerung entgegen. Wenn die Öffnung und die Nutzung der Informationen in Zukunft auch über den wirtschaftlichen Standort der Länder und Staaten entscheiden werden, ist dies ein bedrohliches Bild, auch gesamtstaatlich. Menschen mit Migrationshintergrund, Einwanderer sowie Migranten der zweiten und dritten Generation sind soziologisch sehr heterogene Gruppen, die aber zum großen Teil bibliotheksfern sind, da ihnen sehr oft neben fehlender Sprachkompetenz die Fertigkeiten und Kenntnisse zur Benutzung einer Bibliothek fehlen. Dabei könnte die Bibliothek als Faktor der Integration eine große Rolle spielen. Sie ist in ihrem Angebot immer noch auf die Wünsche des einzelnen Individuums ausgerichtet und ihre Auskunfts- und Beratungsarbeit unterliegt keinen politischen und ökonomischen Zwängen. Sie ist vertrauenswürdig. Das Buch untersucht an Beispielen die Integrationsarbeit einzelner Bibliotheken und zeigt damit Wege der Praxis, wie die Vermittlung von Informationskompetenz für Migranten neben oft hohlen Absichtserklärungen praktisch umgesetzt werden kann.

Rezensionen

Die in Usbekistan geborene, seit 1999 in Deutschland lebende und aktuell als Diplom-Bibliothekarin an der Stadtbücherei Frankfurt(Main) tätige Autorin legt hier die überarbeitete Fassung ihrer an der FHS Potsdam eingereichten Diplomarbeit vor.

Einleitend arbeitet sie anhand der Literatur und von Internet Ressourcen systematisch kurz Hintergrund und Grundlagen zur Information als Schlüsselkompetenz zur Soziogruppe Menschen mit Migrationshintergrund (wesentlich anhand von Beispielen aus Berlin) zur Multikulturellen Gesellschaft und den Zielen Multikultureller Bibliotheksarbeit insbesondere zur Vermittlung von Informationskompetenz an Menschen mit Migrationshintergrund heraus, wobei sie die Unterschiede von Transkription und Transliteration von Eigennamen als besondere Hürde für Migrant(inn)en, deren Herkunftssprache sich nicht der lateinischen Schrift bedient, betont (S.45).

Der Hauptteil basiert auf fünf persönlichen Interviews mit leitenden Mitarbeitern der Bibliotheken in vier Berliner Bezirken sowie der Zentral – und Landesbibliothek Berlin, die leider nicht datiert sind. Die Antworten wertet Kabo gründlich systematisch aus, bleibt aber in Teilfragen, wie der speziellen Kompetenzen der Bibliotheksmitarbeiter (S. 71-73) sehr allgemein. Ihre Ergebnisse bündelt sie in einen Forderungskatalog zur Altersspezifischen Differenzierung bei der Vermittlung von Informationskompetenz durch Bibliotheken an Menschen mit Migrationshintergrund (einschließlich der Sondersituation von Studierenden), wobei sie kurz auf die Queens Library in New York und das modellhafte Bibliothekseinführungskonzept der Stadtteilbibliothek Galls in Frankfurt am Main (S. 97-99) als praktische Beispiele hinweist.

Vielleicht kann die eigene Migrationserfahrung die hier fehlende Befragung mit Migrant(inn)en ersetzen, man vermiss jedoch- und sei es nur als systematischen Gesichtspunkt in der sonst sehr systematisch angelegte Arbeit- die Differenzierung nach Zuwanderungsgruppen, zumal diese sich nach Bildungsstruktur, Altersgruppen usw. zum Teil wesentlich unterscheiden. Man wüsste gerne mehr über die Bedeutung der im Interview (S.59) erwähnten Materialien in Fremdsprachen und ihre Bedeutung für die an Migrant(inn)en gerichtete Bibliothekspädagogik, in der Kabo die Lösung der von ihr angesprochenen Problematik sieht. Inwieweit Qualität und Quantität von – nicht nur herkunftssprachigen – Bibliotheksbeständen deren Attraktivität für Migrant(inn)en bestimmten, wäre als Frage noch zu vertiefen, ebenso die Frage nach der Rolle von

Sprachkompetenz bei der vermittelnden Tätigkeit des Bibliothekspersonals sowie personelle und organisatorische Voraussetzungen. Wie wirkt sich der Rückzug der Öffentlichen Bibliothek aus den Flächen, wachsende Entfernung von Wohnung und Bibliothek auf die Attraktivität für Migranten aus usw.

Maria Kabo weist mit ihrer gründlichen und systematisch angelegten Diplomarbeit auf ein wichtiges Problem sozialer Bibliotheksarbeit für Bibliotheken aller Typen hin. Bibliothekspädagogik kann hier im Einzelfall sehr viel leisten, darauf hingewiesen zu haben, ist das Verdienst dieses Buches, auch wenn es sich hinsichtlich der für die Praxis wichtigen Organisation- und Kostenseite zurückhält.

W.K

Maria Kabo verwendet in ihrer Untersuchung der Rolle der Bibliotheken bei der Vermittlung von Informationskompetenz an Menschen mit Migrationshintergrund statt des Begriffes Migranten erfreulichersweise den umfassenderen Begriff Menschen mit Migrationshintergrund und bezieht so neben den nicht eingebürgerten Migranten auch die deutschen Staatsbürger mit nichtdeutschen ethnischen Wurzeln wie deutsche Spätaussiedler und in Deutschland geborene Kinder und Enkelkinder mit einem oder zwei Elternteilen von Migranten ein.

Angesichts der 15,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland hat das Thema für deutsche Bibliotheken eine große Bedeutung.

Die Arbeit besteht aus drei Teilen:

Im ersten Teil schafft die Autorin die theoretischen Grundlagen: Theoriegestützte Betrachtungen zur Informationskompetenz als Schlüsselqualifikation (Kap. 2) unter besonderer Berücksichtigung der Soziogruppe Menschen mit Migrationshintergrund (Kap.2.2), ihrer Integration in die Gesellschaft (2.3.1), ihrer Informationsbedürfnisse, die sich von denen der Deutschen zum Teil unterscheiden (2.3.2) und der Bedeutung der multikulturellen Bibliotheksarbeit (2.4) mit den Besonderheiten im Informationsverhalten und den darauf basierenden Besonderheiten bei der Aneignung von Informationskompetenz. Eine kompakte, sehr gelungene Einführung auf nur 31 Seiten.

Der zweite Teil ist der praktischen Umsetzung dieser theoretischen Vorgaben gewidmet. Um die gängigen Praktiken und den Stand der Vermittlung von Informationskompetenz erfassen zu können, hat die Autorin eine empirische Datenerhebung durchgeführt. Sie wählt die Methodik der qualitativen Forschung (3.2), die sich auf eine relativ kleine Befragungsgruppe konzentriert und somit Validität und Reliabilität als zweitrangige Ziele verfolgt. Das Ziel der Datenerhebung war der Erhalt allgemeiner Erkenntnisse … an Bibliotheken der Stadt Berlin in Bezirken mit hohem Bevölkerungsanteil dieser Soziogruppe (S. 48). Das Datenerhebungsinstrument war das persönliche Interview (3.2.1 bis 3.2.3).

Die Auswertung der Interviews führt die Autorin m.E. zu drei Schwerpunkten bei der Vermittlung von Informationskompetenz:

  • Das Ausloten der verschiedenen Wege und Möglichkeiten im Rahmen der Bibliothekspädagogik (3.3)
  • die Erweiterung der klassischen Kompetenzen der Bibliotheksmitarbeiter wie Katalogisierung und Bestandsaufbau durch spezielle Kompetenzen wie multikulturelle Kompetenz, Fremdsprachenkenntnisse und soziale Kompetenz (3.4)
  • die altersspezifische Unterteilung der Soziogruppe und eine darauf zugeschnittene Gestaltung der Lehrinhalte (4), verbunden mit der Vorstellung mehrerer Projekte.

Die Arbeit zeigt, dass trotz der zahlreichen Richtlinien für multikulturelle Bibliotheksdienstleistungen die Entwicklung der Informationskompetenz erst am Anfang steht. Da die Autorin Absichtserklärungen zum Thema vermeidet und sich auf die praktische Umsetzung der theoretischen Grundlagen konzentriert, leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Bedeutung der Bibliothek als Integrationsfaktor. Das wird besonders sichtbar in den Ausführungen zu den drei genannten Schwerpunkten einschließlich der nachahmungswerten Projekte im Rahmen der altersspezifischen Differenzierung bei der Vermittlung von Informationskompetenz aus Berliner Bibliotheken.

Maria Kabo wurde in Taschkent, in Usbekistan geboren, mit 15 Jahren zog sie nach Baschkortostan, einer autonomen Republik innerhalb Russlands, nach dem Schulabschluss studierte sie in deren Hauptstadt Ufa englische Philologie, seit 1999 lebt sie in Deutschland und begann hier ihre bibliothekarische Laufbahn. Sie kennt also aus eigener Anschauung die Tücken der Benutzung von Bibliotheken durch Menschen mit Migrationshintergrund.

Ihre interessante Arbeit kann den Kolleginnen und Kollegen in den deutschen Bibliotheken viele Anregungen zur Vermittlung von Informationskompetenzen geben, und die sollten sie gut nutzen.

Prof. em. Dr. Schmidmaier