Der Garten der zerbrochenen Statuen

Der Garten der zerbrochenen Statuen

Auf den Spuren der Zensur in Russland
Marianna Tax Choldin
2018
250 Seiten
Softcover
ISBN -13 978-3-945610-40-4
22,00
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Als Kind jüdischer Einwanderer in die USA wuchs die Autorin in einer intellektuellen Familie in mehreren Sprachen und einer Vielzahl internationaler Kontakte auf. Sie begann im College mit dem Studium der russischen Sprache und Kultur. Diese Erfahrung bestimmte ihren Berufswunsch. Als Wissenschaftlerin und Bibliothekarin an der renommierten University of Illinois. Urbana-Champaign forschte sie zunächst über zaristische Zensur in Russland, später stellte sie die Frage nach der Zensur in Sowjetrussland. Die Ausstellung und Konferenz zur Zensur in Russland, die sie und die Direktorin der Bibliothek für Ausländische Literatur in Moskau, Ekatarina Genieva, gemeinsam kuratiert und organisiert haben, und die an vielen Orten in Russland wiederholt wurden, waren Höhepunkte der bibliothekarischen internationalen Zusammenarbeit.

Rezensionen

Marianna Tax Choldin: Der Garten der zerbrochenen Statuen

Bildungsbiographie - Bibliothekarinnen, die den Unterschied machen - die russische und sowjetische Zensur

Der Garten der zerbrochenen Statuen – Auf den Spuren der Zensur in Russland – aus dem Amerikanischen übersetzt von Silke Sewing und Erdmute Lapp, Simon Verlag für Bibliothekswissen, Berlin 2018.

Dieser Buchtitel kann zu falschen Erwartungen führen, wenn man vorwiegend mit systematischen Abhandlungen befasst ist und „Auf den Spuren der Zensur in Russland“ nur flüchtig gesehen hat. Mit diesem Buch wird jedoch kein Traktat über die russische Zensur vorgelegt! Es handelt sich vielmehr um dreierlei,

• um eine Bildungsbiographie oder, um es emotionaler auszudrücken, um die leidenschaftliche Liebe einer Frau zu neuen Erkenntnissen und zu den Büchern, die sie transportieren,

• um Bibliotheken und BibliothekarInnen, die den Unterschied machen, oder, um es pathetischer zu formulieren, die die Zivilisation an vorderster Front verteidigen oder sie sich ausbreiten lassen, und

• um die Spurensuche der Protagonistin, wobei wir über die emotionalen und Netzwerkbedingungen eines erfolgreichen Forschungsprozesses ebenso viel erfahren wie über die russische und sowjetische Zensur.

Wer daran interessiert ist, wird an diesem Buch seine Freude haben. Über das sehr persönliche Buch zu den Interaktionen zwischen der Autorin und ihrem Forschungsgegenstand lässt sich ein guter Eindruck vermitteln, indem ich die Autorin selbst zu Wort kommen lasse.

Bildungskind und die Liebe zu Büchern. Marianna Tax Choldin wächst aus einer bildungsbürgerlichen Sicht als Jüdin und US-Bürgerin mit einem Hochschullehrer als Vater und einer Sprachlehrerin als Mutter in einem liebevollen, liberalen und intellektuellen Umfeld in einer privilegierten Position auf:

„Aber das Aufwachsen unter Menschen in gehobener Stellung erleichterte mir ungemein den Umgang mit Autoritäten – in unserem Mietshaus wohnten zu unterschiedlichen Zeiten drei Nobelpreisträger, und viele nationale Würdenträger gingen ein und aus. ... Bücher waren immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Meine Schule, die zur Universität gehörte, hatte zwei hervorragende Bibliotheken. … Niemand erzählte mir, was ich lesen oder nicht lesen sollte, und als Kind nahm ich an, dass das überall gelten würde“ (Seite 22).

Allerdings lebt Marianna „in einer liberalen Blase“, so dass sie erst nach und nach mit der USA der Rassentrennung und des McCarthyismus, der grassierenden Selbstzensur und den Versuchen, die Bestände der Bibliotheken durch Zensur zu beschränken, Bekanntschaft machen muss. Ihre Familie ist nur durch Glück mehreren Katastrophen entronnen. „Die Großeltern von der Seite beider Eltern her wanderten zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts aus dem Russischen Reich aus, als die Pogrome um sich griffen“ (Seite 48). Ein

knappes halbes Jahrhundert später überfällt NS-Deutschland die Sowjetunion und versucht, alle Juden zu ermorden:

„Viele, vielleicht die meisten, wurden an Ort und Stelle vernichtet und in Massengräbern verscharrt, die schwarze sowjetische Erde wurde über sie geschaufelt. Ich habe nie ihre Namen kennengelernt, aber sie verfolgt mich, meine verlorene jüdische Familie. Ich spreche das Kaddisch, das jüdische Totengebet, für sie“ (Seite 41).

Marianna fügt im Laufe der Jahre ihren englischen Sprachkenntnissen Jiddisch, Deutsch, Bengalisch und Russisch hinzu und erhält als 17-Jährige den Auftrag, eine wissenschaftliche Abhandlung vom Deutschen ins Englische zu übertragen:

„Hier war ich, ein Kind, das Zensur ablehnte und den Kommunisten nicht vertraute, redegewandte Anwälte der freien Rede bewunderte und allmählich lernte, dass ihr Land letzten Endes nicht perfekt war. Ein Kind, das gerne las und dessen große Faszination für Denkmäler sie dazu verleitete, nach deren wahrer Bedeutung zu suchen. Ein jüdisch-amerikanisches Kind, das mit dem Russischen Reich in verstörender Art über die Familie verbunden war, gleichzeitig abgestoßen und angezogen von dem Ort, der in den ersten fünfzig Lebensjahren der Sowjetunion war. Es sind schwerlich zwei Orte vorstellbar, die von der Ideologie her so unterschiedlich waren wie Hyde Park und die Sowjetunion“ (Seite 42).

An anderer Stelle habe ich die Meinung vertreten, dass der grundlegende Trend in 50 Jahren Bundesrepublik in einer Bildungsrevolution oder darin besteht, allen Bürgern und vor allem der jungen Generation die Privilegien von Frau Choldin zu verschaffen. Das ist mehr oder minder gelungen, allerdings dürfte die Bildungsbereitschaft nicht in gleichem Maße gestiegen sein. Eher gewinne ich den Eindruck, dass Bildung und die Tools, die sie ermöglichen, als freies Gut wenig wertgeschätzt und allenfalls für Schritte in der beruflichen Laufbahn instrumentalisiert werden. Weniger thematisiert werden von Tax Choldin die vielen Beispiele, die beweisen, dass Bildungshunger auch in einer bildungsfeindlichen oder -indifferenten Umwelt entstehen und befriedigt werden kann. Kann nicht sogar die „Zensur eine starke fast exzessive physische Liebe zu Büchern fördern“? (Seite 143). Ihre Arbeit erinnert uns daran, dass wir, die wir die Bildung auch um ihrer selbst willen lieben, nicht allein sind.

Bibliotheken und BibliothekarInnen, die den Unterschied machen. Tax Choldin hätte, wenn die Arbeitsangebote für sie ein wenig anders ausgefallen wären, auch Holocaustforscherin in einem deutsch-amerikanischem Netzwerk werden oder Entwicklungspolitik für Bangladesh betreiben können. Andererseits hat sie eine natürliche Affinität zu Bibliotheken und Russland übt eine düstere Faszination auf sie aus. Vom ersten Morgen als wissenschaftliche Bibliothekarin an liebt sie ihre Arbeit und geraten ihre weiteren Darstellungen zu einer Hommage an die Institution Bibliothek und die Menschen, die in ihr arbeiten:

„Als ich später mit Bibliothekaren auf der ganzen Welt arbeitete, merkte ich, dass ich einen Bibliothekar oder eine Bibliothekarin überall erkennen konnte, obwohl ich es nicht wirklich verstehe. Ich denke, es hat etwas zu tun mit der spezifischen Intensität, Ausdauer und Leidenschaft, Information zu organisieren und Antworten auf schwierige und abseitige Fragen zu finden, egal wie lange die Suche dauert. Bibliothekare sind besonders gut im Kreuzworträtsel-Lösen und sie lieben Herausforderungen. Wo auch immer ich in der Welt hinfuhr, fühlte ich mich sofort in ihren Bibliotheken und an ihren Arbeitsplätzen heimisch. Ich genieße die Kollegialität verwandter Seelen, tauche in den Geruch ihrer Bücherregale (muffig

vom verfallenden Papier) ein und finde alte Vertraute unter ihren Nachschlagewerken“ (Seite 100f.).

Als „Slawistin, Bibliotheksaktivistin und fürsorglicher Mensch“, die ihre Zwillingskinder mit zu betreuen hat, muss sie über viele Jahre eine schwierige Balance wahren, aber mit viel Optimismus und unbegrenzt erscheinendem Elan schafft sie es. Hat jemand besser die Freuden beschrieben, die sich einstellen, wenn man in der Forschung zu guten Ergebnissen gekommen ist? Jedenfalls spürt sie den

„geheimnisvollen und wunderbaren Schock, den man hat, wenn alles zueinander zu passen scheint. In meinem Fall fühlt es sich wie eine Beschleunigung aller Sinne an: ich merke den Adrenalinstrom, das Glück und die Zuversicht, dass etwas Richtiges passiert ist“ (Seite 113).

Tax Choldin schließt viele Freundschaften und greift in ihren Arbeiten immer wieder auf ihr Netzwerk zurück. Besonders herzliche Beziehungen geht sie mit russischen BibliothekarInnen ein, obgleich die USA und die Sowjetunion einander fremden Planeten gleichen und „jeglicher Kontakt zu Ausländern in der Zeit des Personenkults unmöglich“ war (Seite 172). Dennoch schaffen sie es gemeinsam, dass

„Tausende von Bücherkisten aus Hunderten von Bibliotheken von beiden Planeten in beide Richtungen verschifft wurden, indem sie irgendwie unterhalb des Radars (der offiziellen Kontrolle) segelten“ (Seite 105).

Diese russischen Bibliothekarinnen sind Träger der Kultur unter widrigsten politischen Umständen und tun, was ihnen möglich ist. Sie wissen, was sie zu tun haben, als sich in der russischen „Tauwetterperiode“ (nach 1992) neue Möglichkeiten für sie eröffneten. Wenn wir Leitbilder und eine Literatur darüber benötigen, warum nicht die Institution Bibliothek und die Bildungsenthusiastinnen, die sich in ihr bewähren? Und Tax Choldin zeigt, dass eine Scientific Community nicht nur als Idealvorstellung möglich ist!

Russische und sowjetische Zensur. Tax Choldin kommt zu ihrem Lebensthema, als ihr zufällig ein Buch in die Hände fällt, an das sich die zaristische Zensur gemacht hat. Die wichtigsten Zensurmaßnahmen zur Zarenzeit sind „das Abkratzen von Druck auf einer Seite mit einem Rasiermesser, das Abdecken von Wörtern mit schwarzer Tinte und das Überkleben ganzer Passagen mit Altpapier“ (Seite 117). Fortgeschrittenere Methoden wie die Verfälschung von Übersetzungen und die Produktion von Fake News kommen viel später, gleichwohl sind die Suchraster der zaristischen und der sowjetischen Zensur weitgehend ähnlich. So fällt ein Autor unter das Fallbeil der zaristischen Zensur,

„weil er respektlos gegenüber dem russischen Zarentum ist, die Macht des Zaren in Frage stellt, die Religion verhöhnt oder weil Russen als asiatische Barbaren … dargestellt wurden“ (Seite 121).

Hingegen gilt für die sowjetische Zensur:

„Schriftsteller durften Parteiführer oder die Partei nicht kritisieren, sie konnten nicht positiv über Religion schreiben oder Bürger der Sowjetunion als „asiatische Barbaren“ bezeichnen. … Diese Zensur, die es offiziell nicht gab, durchdrang alles und jeden. Jeder Schriftsteller, Maler, Komponist oder Wissenschaftler wusste, was er schreiben, komponieren oder untersuchen musste. Darüber hinaus – und dies war neu – wussten die Sowjetbürger, was sie erstellen oder untersuchen mussten, um in ihrer Karriere erfolgreich zu sein, und natürlich,

um nicht ins Gefängnis oder in den Gulag zu kommen und um einfach am Leben zu bleiben“ (Seite 133f.)

Tax Choldin findet für diese exzessive Form der Gängelung durch den Staat, in der jeder „schuldig bis zum Beweis der Unschuld“ ist (Seite 135) und die in westlichen Ländern bei allen auch dort bestehenden Defiziten undenkbar wäre, den Begriff der „omnizensur“ oder der „allumfassenden Zensur“ (Seite 134). Sie veröffentlicht ihre Ergebnisse über die zaristische Zensur in „A Fence Around the Empire: Russian Censorship of Western Ideas under the Tsars“, über die sowjetische Zensur in „Russian Classiscs in Soviet Jackets“, begründet noch vor dem Online-Zeitalter den Slavic Refererence Service, bringt gemeinsam mit ihren russischen Partnern und Freunden über Ausstellungen und Tagungen in der Zeit der „Perestrojka“ eine Debatte in Russland über die Zensur in Gang und wird in der Szene „Madame Censorship“ genannt. Für die russischen Teilnehmer ihrer Tagungen kann diese Debatte das Rühren an einem großen Schmerz oder ein großes Erwachen sein:

„(Wir können) unsere Gedanken über die Zensur (nicht) äußern, die wir nur mit sprachlosem Schmerzgeheul ertragen haben. Es wird Jahre dauern, bis wir uns genügend von diesem Alptraum distanzieren können, um objektiv, als Wissenschaftler, über dieses Phänomen sprechen zu können (Seite 221) … Eine Bibliothekarin aus Ekaterinburg erzählte mir, dass sie nicht wirklich viel über Zensur nachgedacht habe – sie habe sie einfach als selbstverständlich hingenommen –, bis sie in die Archivarbeit eingetaucht ist, um die Ausstellung vorzubereiten, erst da nahm sie die Ausmaße dessen wahr, was geschehen war und wie sie alle von dem beschädigt worden waren, was ich allumfassende Zensur nenne“ (Seite 223f.).

Der auf die Perestrojka folgende „Putinismus“ mit seinen Tendenzen einer politischen und kulturellen Konterrevolution wird von Tax Choldin nur kurz gestreift. Aber auch für Putin gilt ihre Metapher des „Gartens der zerbrochenen Statuen“, die für die Neigung vieler Regierungen steht, ihr Erbe verfälschend und propagandistisch darzustellen. Mit dem Buch von Tax Choldin verstehen wir hingegen,

„wie wichtig es für offene, demokratische Gesellschaften ist, ihren Bürgern und den Bürgern der ganzen Welt Zugang zu der gesamten Vergangenheit ihres Landes zu geben, zu der beschämenden ebenso wie zu der noblen“ (Seite 239)

und in ihrem Sinne fügen wir hinzu, dass der ewige Kampf um Meinungsfreiheit unteilbar ist und dass wir den Vertretern der russischen Zivilgesellschaft im eigenen Interesse eine nachhaltige Entwicklung wünschen müssen, auch wenn dies die Überwindung eines Jahrhunderte alten politischen Systems mit barbarischen Merkmalen voraussetzt.


Marianna Tax Choldin:
Der Garten der zerbrochenen Statuen

Bildungsbiographie - Bibliothekarinnen,
die den Unterschied machen -
die russische und sowjetische Zensur

Der Garten der zerbrochenen Statuen – Auf den Spuren der Zensur in Russland – aus dem Amerikanischen übersetzt von Silke Sewing und Erdmute Lapp, Simon Verlag für Bibliothekswissen, Berlin 2018.

Von Willi Bredemeier

Dieser Buchtitel kann zu falschen Erwartungen führen, wenn man vorwiegend mit systematischen Abhandlungen befasst ist und „Auf den Spuren der Zensur in Russland“ nur flüchtig gesehen hat. Mit diesem Buch wird jedoch kein Traktat über die russische Zensur vorgelegt! Es handelt sich vielmehr um dreierlei,  

• um eine Bildungsbiographie oder, um es emotionaler auszudrücken, um die leidenschaftliche Liebe einer Frau zu neuen Erkenntnissen und zu den Büchern, die sie transportieren,

• um Bibliotheken und BibliothekarInnen, die den Unterschied machen, oder, um es pathetischer zu formulieren, die die Zivilisation an vorderster Front verteidigen oder sie sich ausbreiten lassen, und

• um die Spurensuche der Protagonistin, wobei wir über die emotionalen und Netzwerkbedingungen eines erfolgreichen Forschungsprozesses ebenso viel erfahren wie über die russische und sowjetische Zensur.

Wer daran interessiert ist, wird an diesem Buch seine Freude haben. Über das sehr persönliche Buch zu den Interaktionen zwischen der Autorin und ihrem Forschungsgegenstand lässt sich ein guter Eindruck vermitteln, indem ich die Autorin selbst zu Wort kommen lasse.

Bildungskind und die Liebe zu Büchern . Marianna Tax Choldin wächst aus einer bildungsbürgerlichen Sicht als Jüdin und US-Bürgerin mit einem Hochschullehrer als Vater und einer Sprachlehrerin als Mutter in einem liebevollen, liberalen und intellektuellen Umfeld in einer privilegierten Position auf:

„Aber das Aufwachsen unter Menschen in gehobener Stellung erleichterte mir ungemein den Umgang mit Autoritäten – in unserem Mietshaus wohnten zu unterschiedlichen Zeiten drei Nobelpreisträger, und viele nationale Würdenträger gingen ein und aus. ... Bücher waren immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Meine Schule, die zur Universität gehörte, hatte zwei hervorragende Bibliotheken. … Niemand erzählte mir, was ich lesen oder nicht lesen sollte, und als Kind nahm ich an, dass das überall gelten würde“ (Seite 22).

Allerdings lebt Marianna „in einer liberalen Blase“, so dass sie erst nach und nach mit der USA der Rassentrennung und des McCarthyismus, der grassierenden Selbstzensur und den Versuchen, die Bestände der Bibliotheken durch Zensur zu beschränken, Bekanntschaft machen muss. Ihre Familie ist nur durch Glück mehreren Katastrophen entronnen. „Die Großeltern von der Seite beider Eltern her wanderten zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts aus dem Russischen Reich aus, als die Pogrome um sich griffen“ (Seite 48). Ein knappes halbes Jahrhundert später überfällt NS-Deutschland die Sowjetunion und versucht, alle Juden zu ermorden:

„Viele, vielleicht die meisten, wurden an Ort und Stelle vernichtet und in Massengräbern verscharrt, die schwarze sowjetische Erde wurde über sie geschaufelt. Ich habe nie ihre Namen kennengelernt, aber sie verfolgt mich, meine verlorene jüdische Familie. Ich spreche das Kaddisch, das jüdische Totengebet, für sie“ (Seite 41). 

Marianna fügt im Laufe der Jahre ihren englischen Sprachkenntnissen Jiddisch, Deutsch, Bengalisch und Russisch hinzu und erhält als 17-Jährige den Auftrag, eine wissenschaftliche Abhandlung vom Deutschen ins Englische zu übertragen:

„Hier war ich, ein Kind, das Zensur ablehnte und den Kommunisten nicht vertraute, redegewandte Anwälte der freien Rede bewunderte und allmählich lernte, dass ihr Land letzten Endes nicht perfekt war. Ein Kind, das gerne las und dessen große Faszination für Denkmäler sie dazu verleitete, nach deren wahrer Bedeutung zu suchen. Ein jüdisch-amerikanisches Kind, das mit dem Russischen Reich in verstörender Art über die Familie verbunden war, gleichzeitig abgestoßen und angezogen von dem Ort, der in den ersten fünfzig Lebensjahren der Sowjetunion war. Es sind schwerlich zwei Orte vorstellbar, die von der Ideologie her so unterschiedlich waren wie Hyde Park und die Sowjetunion“ (Seite 42).

An anderer Stelle habe ich die Meinung vertreten, dass der grundlegende Trend in 50 Jahren Bundesrepublik in einer Bildungsrevolution oder darin besteht, allen Bürgern und vor allem der jungen Generation die Privilegien von Frau Choldin zu verschaffen. Das ist mehr oder minder gelungen, allerdings dürfte die Bildungsbereitschaft nicht in gleichem Maße gestiegen sein. Eher gewinne ich den Eindruck, dass Bildung und die Tools, die sie ermöglichen, als freies Gut wenig wertgeschätzt und allenfalls für Schritte in der beruflichen Laufbahn instrumentalisiert werden. Weniger thematisiert werden von Tax Choldin die vielen Beispiele, die beweisen, dass Bildungshunger auch in einer bildungsfeindlichen oder -indifferenten Umwelt entstehen und befriedigt werden kann. Kann nicht sogar die „Zensur eine starke fast exzessive physische Liebe zu Büchern fördern“? (Seite 143). Ihre Arbeit erinnert uns daran, dass wir, die wir die Bildung auch um ihrer selbst willen lieben, nicht allein sind.

Bibliotheken und BibliothekarInnen, die den Unterschied machen . Tax Choldin hätte, wenn die Arbeitsangebote für sie ein wenig anders ausgefallen wären, auch Holocaustforscherin in einem deutsch-amerikanischem Netzwerk werden oder Entwicklungspolitik für Bangladesh betreiben können. Andererseits hat sie eine natürliche Affinität zu Bibliotheken und Russland übt eine düstere Faszination auf sie aus. Vom ersten Morgen als wissenschaftliche Bibliothekarin an liebt sie ihre Arbeit und geraten ihre weiteren Darstellungen zu einer Hommage an die Institution Bibliothek und die Menschen, die in ihr arbeiten:

„Als ich später mit Bibliothekaren auf der ganzen Welt arbeitete, merkte ich, dass ich einen Bibliothekar oder eine Bibliothekarin überall erkennen konnte, obwohl ich es nicht wirklich verstehe. Ich denke, es hat etwas zu tun mit der spezifischen Intensität, Ausdauer und Leidenschaft, Information zu organisieren und Antworten auf schwierige und abseitige Fragen zu finden, egal wie lange die Suche dauert. Bibliothekare sind besonders gut im Kreuzworträtsel-Lösen und sie lieben Herausforderungen. Wo auch immer ich in der Welt hinfuhr, fühlte ich mich sofort in ihren Bibliotheken und an ihren Arbeitsplätzen heimisch. Ich genieße die Kollegialität verwandter Seelen, tauche in den Geruch ihrer Bücherregale (muffig vom verfallenden Papier) ein und finde alte Vertraute unter ihren Nachschlagewerken“ (Seite 100f.).  

Als „Slawistin, Bibliotheksaktivistin und fürsorglicher Mensch“, die ihre Zwillingskinder mit zu betreuen hat, muss sie über viele Jahre eine schwierige Balance wahren, aber mit viel Optimismus und unbegrenzt erscheinendem Elan schafft sie es. Hat jemand besser die Freuden beschrieben, die sich einstellen, wenn man in der Forschung zu guten Ergebnissen gekommen ist? Jedenfalls spürt sie den

„geheimnisvollen und wunderbaren Schock, den man hat, wenn alles zueinander zu passen scheint. In meinem Fall fühlt es sich wie eine Beschleunigung aller Sinne an: ich merke den Adrenalinstrom, das Glück und die Zuversicht, dass etwas Richtiges passiert ist“ (Seite 113).  

Tax Choldin schließt viele Freundschaften und greift in ihren Arbeiten immer wieder auf ihr Netzwerk zurück. Besonders herzliche Beziehungen geht sie mit russischen BibliothekarInnen ein, obgleich die USA und die Sowjetunion einander fremden Planeten gleichen und „jeglicher Kontakt zu Ausländern in der Zeit des Personenkults unmöglich“ war (Seite 172). Dennoch schaffen sie es gemeinsam, dass

„Tausende von Bücherkisten aus Hunderten von Bibliotheken von beiden Planeten in beide Richtungen verschifft wurden, indem sie irgendwie unterhalb des Radars (der offiziellen Kontrolle) segelten“ (Seite 105).  

Diese russischen Bibliothekarinnen sind Träger der Kultur unter widrigsten politischen Umständen und tun, was ihnen möglich ist. Sie wissen, was sie zu tun haben, als sich in der russischen „Tauwetterperiode“ (nach 1992) neue Möglichkeiten für sie eröffneten. Wenn wir Leitbilder und eine Literatur darüber benötigen, warum nicht die Institution Bibliothek und die Bildungsenthusiastinnen, die sich in ihr bewähren? Und Tax Choldin zeigt, dass eine Scientific Community nicht nur als Idealvorstellung möglich ist!

Russische und sowjetische Zensur. Tax Choldin kommt zu ihrem Lebensthema, als ihr zufällig ein Buch in die Hände fällt, an das sich die zaristische Zensur gemacht hat. Die wichtigsten Zensurmaßnahmen zur Zarenzeit sind „das Abkratzen von Druck auf einer Seite mit einem Rasiermesser, das Abdecken von Wörtern mit schwarzer Tinte und das Überkleben ganzer Passagen mit Altpapier“ (Seite 117). Fortgeschrittenere Methoden wie die Verfälschung von Übersetzungen und die Produktion von Fake News kommen viel später, gleichwohl sind die Suchraster der zaristischen und der sowjetischen Zensur weitgehend ähnlich. So fällt ein Autor unter das Fallbeil der zaristischen Zensur,

„weil er respektlos gegenüber dem russischen Zarentum ist, die Macht des Zaren in Frage stellt, die Religion verhöhnt oder weil Russen als asiatische Barbaren … dargestellt wurden“ (Seite 121).  

Hingegen gilt für die sowjetische Zensur:

„Schriftsteller durften Parteiführer oder die Partei nicht kritisieren, sie konnten nicht positiv über Religion schreiben oder Bürger der Sowjetunion als „asiatische Barbaren“ bezeichnen. … Diese Zensur, die es offiziell nicht gab, durchdrang alles und jeden. Jeder Schriftsteller, Maler, Komponist oder Wissenschaftler wusste, was er schreiben, komponieren oder untersuchen musste. Darüber hinaus – und dies war neu – wussten die Sowjetbürger, was sie erstellen oder untersuchen mussten, um in ihrer Karriere erfolgreich zu sein, und natürlich, um nicht ins Gefängnis oder in den Gulag zu kommen und um einfach am Leben zu bleiben“ (Seite 133f.) 

Tax Choldin findet für diese exzessive Form der Gängelung durch den Staat, in der jeder „schuldig bis zum Beweis der Unschuld“ ist (Seite 135) und die in westlichen Ländern bei allen auch dort bestehenden Defiziten undenkbar wäre, den Begriff der „omnizensur“ oder der „allumfassenden Zensur“ (Seite 134). Sie veröffentlicht ihre Ergebnisse über die zaristische Zensur in „A Fence Around the Empire: Russian Censorship of Western Ideas under the Tsars“, über die sowjetische Zensur in „Russian Classiscs in Soviet Jackets“, begründet noch vor dem Online-Zeitalter den Slavic Refererence Service, bringt gemeinsam mit ihren russischen Partnern und Freunden über Ausstellungen und Tagungen in der Zeit der „Perestrojka“ eine Debatte in Russland über die Zensur in Gang und wird in der Szene „Madame Censorship“ genannt. Für die russischen Teilnehmer ihrer Tagungen kann diese Debatte das Rühren an einem großen Schmerz oder ein großes Erwachen sein:

„(Wir können) unsere Gedanken über die Zensur (nicht) äußern, die wir nur mit sprachlosem Schmerzgeheul ertragen haben. Es wird Jahre dauern, bis wir uns genügend von diesem Alptraum distanzieren können, um objektiv, als Wissenschaftler, über dieses Phänomen sprechen zu können (Seite 221) … Eine Bibliothekarin aus Ekaterinburg erzählte mir, dass sie nicht wirklich viel über Zensur nachgedacht habe – sie habe sie einfach als selbstverständlich hingenommen –, bis sie in die Archivarbeit eingetaucht ist, um die Ausstellung vorzubereiten, erst da nahm sie die Ausmaße dessen wahr, was geschehen war und wie sie alle von dem beschädigt worden waren, was ich allumfassende Zensur nenne“ (Seite 223f.).  

Der auf die Perestrojka folgende „Putinismus“ mit seinen Tendenzen einer politischen und kulturellen Konterrevolution wird von Tax Choldin nur kurz gestreift. Aber auch für Putin gilt ihre Metapher des „Gartens der zerbrochenen Statuen“, die für die Neigung vieler Regierungen steht, ihr Erbe verfälschend und propagandistisch darzustellen. Mit dem Buch von Tax Choldin verstehen wir hingegen,

„wie wichtig es für offene, demokratische Gesellschaften ist, ihren Bürgern und den Bürgern der ganzen Welt Zugang zu der gesamten Vergangenheit ihres Landes zu geben, zu der beschämenden ebenso wie zu der noblen“ (Seite 239)  

und in ihrem Sinne fügen wir hinzu, dass der ewige Kampf um Meinungsfreiheit unteilbar ist und dass wir den Vertretern der russischen Zivilgesellschaft im eigenen Interesse eine nachhaltige Entwicklung wünschen müssen, auch wenn dies die Überwindung eines Jahrhunderte alten politischen Systems mit barbarischen Merkmalen voraussetzt.


Aktuelles

Zum Tod des Karlsruher Dirigenten Manfred Reichert

Die 13 als Glückszahl


Manchmal werden durch Chuzpe Weichen gestellt, wird der Lebensweg in die entscheidende Bahn gebracht. So bei Manfred Reichert. Er hatte in Karlsruhe Musik studiert, war nach dem Staatsexamen zeitweise als Kritiker für die Badischen Neuesten Nachrichten unterwegs und als Gymnasiallehrer tätig, gehörte seit fünf Jahren zur Musikredaktion des in Baden-Baden ansässigen Südwestrundfunks (SWR) und nun, Ende 1972, beflügelte ihn der Wunsch, ein dreizehnköpfiges Ensemble zu dirigieren, das aus Streichern des SWR-Sinfonieorchesters bestand. Reichert wandte sich an den Konzertmeister, bot als Gegenleistung einen Auftritt in Karlsruhe an: „Der Vorschlag war verrückt, tollkühn, ich muss nicht recht bei Sinnen gewesen sein“, schrieb der Musiker später rückblickend.

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Reichert Nachruf

Manfred Reichert

Wir wussten, dass er todkrank krank war, wir sind dankbar, dass wir seine Erinnerungen, sein Vermächtnis, seine Leidenschaft und seinen Kampf um die Neue Musik herausgeben durften - wir sind sehr sehr traurig, dass er heute verstorben ist:

Manfred Reichert

Dirigent, Festivalgestalter, Universitätsprofessor, Gestalt - und Traumtherapeut, Bildermaler

Er schaute zurück auf fünfeinhalb Jahrzehnte zwischen 1961, Abitur und Studienbeginn und der Gegenwart 2017. Von 1967 bis 1983 Musikredakteur beim Südwestfunk Baden - Baden, von 1973 bis 2007 Dirigent des von ihm gegründeten Ensemble 13 von 1981- 2017 Künstlerischer Leiter des ebenfalls von ihm gegründeten Karlsruher Festivals Wintermusik und Musik auf dem 49 ,' 1983 bis 1988 künstlerischer Leiter des städtischen Teils der Europäischen Kulturtage Karlsruhe

Ideengeber, von 1985-1987 Leiter der ersten Projektgruppe des ZKM, Karlsruhe, 1995- 2007 Professor für Neue Musik an der Johannes Gutenberg Universität Mainz Seit 2000 Gestalt und Traumtherapeut , seit 2012 Maler .

(Manfred Reichert : Fremder Ort Heimat. Manfred Reichert und das Ensemble 13.

Eine Spurensuche.

Berlin 2918, 268 Seiten, mit Fotos,softcover 23.50 ISBN 978-3-945610-41-1)

Leipziger Büchermesse in stürmischen Zeiten

Einer medialen Flurbereinigung – dem Ausschluss „rechter Verlage“ hatte der Direktor der Leipziger Büchermesse ruhig und besonnen widerstanden und auf die  Präsentation aller Verlage und den offenen Zugang aller zu allen Angeboten bestanden. Ein Motto, den die Bibliotheken mit Open Access seit Jahren verfolgen und der auch die Vorstellung des Buches von Marianna Tax Choldin. Der Garten der zerbrochenen Statuen beherrschte. Auf den Spuren der Zensur in Russland, vorgestellt von den beiden Übersetzerinnen im Zwiegespräch landete bei deiner Debatte über Zensur mit den in Halle 4, A, 105 versammelten Bibliothekaren, die ihr Leben lang für den freien Zugang ihrer Nutzer zu Informationen gekämpft haben und heute noch kämpfen. Der Kampf der Bibliothekare um die Anerkennung ihrer Arbeit bestimmte auch Helga Schwarz Das Deutsche Bibliotheksinstitut  im Spannungsfeld zwischen Auftrag und politischem  Interesse, deren Autorin durch das Wetter an ihrem Auftritt  verhindert war; Fachforum 1 Halle 5 E500  Dieser Wintereinbruch  hatte auch der Messe zugesetzt, von einem eisigen Empfang am Hauptbahnhof und der Messe Leipzig mit gefährlich glatten Eingangsbereich, bibbernden Warten auf die Straßenbahn  mit einem wasserdurchlässigen  Glasdach (Hybris der Architekten?).

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Hespos imd A.Simon zum Geburtstag

80 Jahre und kein bisschen weise- wir gratulieren zum Geburtstag unseren Autoren

Hans Joachim Hespos geboren am 13.3. 2018 und Artur Simon,  geboren am 6.5. 1938  verschieden und doch in einem gemeinsam, in ihrer unverbrüchlichen Liebe zur Musik

… Immer wieder neu Anders nennt Hespos sein musikalisches Schaffen, das ihn immer wieder auf neue Wege schickt, neue Formen, neue Instrumente. Was ist die Wirkung von Musik? Sie trifft und braucht keine  Vermittlung (nmz März 2018:4)

Dem würde Artur Simon zustimmen, der sein Leben lang der Musik unmittelbar ausgesetzt war, in fremden Kulturkreisen: Afrika, Indonesien, Neuguinea und doch diesen Musiken  immer auf der Spur. Sie führte  zu der Begegnung mit Dahab dem musikalischen Genie der Nubier und oft  zu der Seele von Gemeinschaften,  die aus dieser Musik lebten und  die wir ohne diese Musik nicht kennen würden.